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EURIBOR: Benchmark-Reform

05.04.2019

EURIBOR: Benchmark-Reform

Durch die Benchmark-Reform der IBOR-Produkte und die Neueinführung des ESTER kommen auf Finanzinstitute und Versicherungen eine Reihe von Anpassungen zu.

IBOR-Zinssätze: Ablösung bis Ende 2021 innerhalb der EU

Zukünftig wird der Euro Over Night Index Average (EONIA) durch den neuen Referenzzinssatz, die Euro Short-Term Rate (ESTER), abgelöst. Darüber hinaus entsprechen Inter Bank Offered Rates (IBORs) nicht mehr dem in der EU Benchmark Regulation (BMR) festgelegten Standard und müssen gegebenenfalls reformiert werden. Banken und Finanzinstitute sollten daher schnell handeln. In diesem Artikel beleuchten wir die Auswirkungen der Referenzzinssatztransition sowie die Gründe für ein zeitnahes Handeln.

Wie wichtig sind der EURIBOR und EONIA für die Eurozone?

Das geschätzte Volumen der aktuell laufenden EONIA- und EURIBOR-basierten Derivatkontrakte beläuft sich auf 22 respektive 109 Trillionen Euro. Weitere 1,6 Trillionen Euro werden in EURIBOR-basierten Schuldverschreibungen gehandelt [1]. Der Nominalbetrag EONIA-basierter Kontrakte liegt bei über 100 Trillionen Euro [2]. EURIBOR und EONIA stellen die vorrangig genutzten Referenzzinssätze für auf Euro lautende Finanzprodukte dar, wohingegen der EUR-LIBOR mit einem Gesamtvolumen von 2 Trillionen Euro innerhalb der Eurozone eine eher untergeordnete Rolle einnimmt [3]. Aufgrund der geringen Anzahl zugrunde liegender Transaktionen sowie der Einschätzung der teilnehmenden Banken ist jedoch bekannt, dass sowohl die (EUR)IBOR-Rates wie auch EONIA anfällig für Manipulationen sind.

Auswirkungen der Ablösung von EURIBOR und EONIA für die EU

Die EU-Benchmark Regulation (BMR) trat bereits am 1. Januar 2018 in Kraft. Der neue regulatorische Rahmen sieht eine zweijährige Übergangsphase vor. Ab dem 1. Januar 2020 dürfen von der EU beaufsichtigte Finanzinstitute nur noch bei der European Securities and Markets Authority (ESMA) registrierte (oder äquivalente) Benchmarks nutzen. Da die IBOR-Berechnungen nicht der gemäß BMR vorgesehenen Methodik zur Referenzsatzermittlung entsprechen und die britische Financial Conduct Authority (FCA) bereits angekündigt hat, ihre Unterstützung für die LIBOR-Ermittlung Ende 2021 einzustellen, ist es für Finanzinstitute und Banken dringend erforderlich, ihre Geschäftsmodelle an die Veränderungen anzupassen. Kürzlich wurde über die Anpassung des Artikels 51 in der BMR abgestimmt. Möglicherweise könnte die Übergangsphase für kritische Benchmarks auf vier Jahre – bis Anfang 2022 analog der LIBOR-Frist – ausgedehnt werden.

Der Fokus für deutsche Banken liegt nun auf der Einführung der Euro Short-Term Rate (ESTER), die EONIA als neuen Eurozonenstandard ersetzen wird. Darüber hinaus ist es für Finanzdienstleister von wesentlicher Bedeutung (und regulatorisch vorgeschrieben), einen Plan B für den Fall zu entwickeln, dass eine Reformation des EURIBOR fehlschlägt bzw. die reformierte Rate erhebliche Veränderungen aufweist [3]. ESTER wird von der EZB ab Oktober 2019 bereitgestellt. Die Berechnung erfolgt auf der Grundlage ungesicherter festgeschriebener Übernachteinlagen im europäischen Interbankenmarkt mit einem Volumen von mindestens 1 Mio. EUR pro Transaktion (ges. 30 Mrd. EUR) [5].

Während die Märkte bereits Vorbereitungen für die Umstellung auf alternative Zinssätze treffen, bestehen für Finanzinstitute nur unzureichende Leitlinien für die Umstellung auf eine Welt ohne EONIA bzw. EURIBOR. Die EZB hat im Januar 2019 erste Leitlinien veröffentlicht, die sich mit der vertraglichen Umsetzung von ESTER-Ersatzklauseln in Neuverträgen von Cash-Produkten beschäftigen [6]. Im Jahresverlauf 2019 sollen detaillierte Leitlinien für Alt- sowie Neuverträge folgen [7]. Auch die ISDA hat bereits entsprechende Klauseln bereitgestellt [8].

Zukünftige Herausforderungen

Eine Genehmigung des European Money Market Institute (EMMI) als Benchmark-Administrator für den EURIBOR steht bisher aus. Das EMMI prüft derzeit, ob eine Hybridversion des EURIBOR BMR-konform ist und wird voraussichtlich im Q2/2019 eine Autorisierung seitens der Financial Services and Markets Authority (FSMA) anstreben [9]. Daher ist es für deutsche Finanzinstitutionen äußerst wichtig, detaillierte schriftliche Pläne auszuarbeiten, die das Vorgehen im Falle eines Indexwechsels festlegen (siehe Artikel 28 Absatz 2 der EU-Benchmark-Verordnung (EU) 2016/1011, BMR).

Aufgrund der BMR-Fristen und der Vorgaben der EZB sowie internationaler Aufsichtsbehörden sollten sich Finanzinstitute schnellstmöglich auf die Zeit nach EUR-/LIBOR vorbereiten. Dabei sollten insbesondere folgende Herausforderungen berücksichtigt werden:

  1. Im Anschluss an die Bestätigung des neuen ESTER-Referenzkurses und des reformierten EURIBOR müssen – neben den Änderungen im Rahmen von Neuverträgen – die nach 2021 fälligen Altverträge auf die neue Realität ohne EURIBOR und LIBOR angepasst und ggf. um Rückfallklauseln für alternative Referenzzinssätze ergänzt werden. Der mit der Änderung von Verträgen verbundene Aufwand (einschließlich möglicher Rechtsstreitigkeiten) sollte nicht unterschätzt werden.
  2. Der LIBOR wird derzeit für fünf Währungen veröffentlicht. Die alternativen Referenzsätze werden zukünftig jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten bereitgestellt. Einige dieser Referenzsätze (wie der Schweizer SARON oder der US SOFR) sind gesichert, andere (u.a. ESTER) nicht. Dies stellt zusätzliche Schwierigkeiten bei der Ablösung von Währungsswaps dar [10].
  3. Eine weitere Herausforderung liegt in der unterschiedlichen Berechnung der Referenzzinssätze. Während EONIA die Transaktionen des gleichen Tages (T) widerspiegelt, wird ESTER zukünftig zum Zeitpunkt T+1 herausgegeben und bezieht sich somit auf Werte des vorangegangenen Handelstages. Finanzinstitute sind daher dazu angehalten, ihre Systeme entsprechend anzupassen [2].
  4. Weiterhin werden LIBOR und EURIBOR für verschiedene Laufzeiten (Tenors) bis zu zwölf Monaten ermittelt. Aufgrund mangelnder Transaktionsvolumina basierten die Berechnungen für längere Laufzeiten bislang auf Expertenschätzungen und Quotierungen. ESTER hingegen basiert lediglich auf den tatsächlichen Übernachttransaktionen der 50 größten europäischen Banken. Daher bietet der neue Referenzzins in seiner derzeitigen Form keine Möglichkeit, in Zukunft fällige Zinszahlungen vorab festzulegen. Die National Working Group (NWG) hat hierzu zunächst die Verwendung einer abgewandelten ESTER- Berechnung auf der Grundlage von Overnight-Index-Swap-Quotierungen vorgeschlagen. Eine tiefergehende Analyse und Erläuterung hinsichtlich der anzuwenden Methodologie soll folgen [11].
  5. Neben notwendigen Produktanpassungen und vertragsrechtlichen Implikationen zieht die anstehende Reform operative sowie auch informationstechnologische Risiken nach sich. Daher sind Finanzinstitute dazu angehalten, zeitnah zu reagieren, um eine reibungslose Anpassung Ihres Geschäftsmodells zu gewährleisten. Wie schon bei der Umstellung auf den Euro, sind Finanzinstitute jetzt gut beraten, im Rahmen eines Transformationsprogramms sämtliche Auswirkungen auf alle betroffenen Geschäftsbereiche (Produktmanagement, Trading, Recht, Kapital- und Risikomanagement, Bilanzierung, Steuern, IT usw.) umfassend zu analysieren.

Wir bei Synpulse analysieren die Auswirkungen und Herausforderungen der anstehenden Reform, um unsere Kunden optimal bei der Umstellung zu unterstützen. Wir werden die Thematik weiter beleuchten und Ihnen Wege aufzeigen, die EURIBOR/EONIA-Ablösung erfolgreich zu bewältigen. 

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Kontakt

Thomas Walkner
Manager
thomas.walkner@synpulse.com
 Thomas Walkner

 

Autoren

Referenzen  

[1] Benoît Cœuré (2018, 25 September). Waiting for ESTER: the road ahead for interest rate benchmark reform. ECB’s Money Market Contact Group meeting, Frankfurt am Main. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2018/html/ecb.sp180925.en.html
  
[2] ECB (2018, 1 Dezember). Report by the working group on euro risk-free rates: on the transition from EONIA to ESTER. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ecb.europa.eu/paym/pdf/cons/euro_risk-free_rates/ecb.eoniatransitionreport201812.en.pdf
  
[3] Serge Gwynne, Hilten Patel, Jennifer Tsim, Lubomir Atanassov (2018). A Tale of Two Benchmarks: The Future of Euro Interest Rates. Oliver Wyman Publication. Verfügbar unter: https://www.oliverwyman.com/content/dam/oliver-wyman/v2/publications/2018/june/Eonia-Euribor-rate-transition.pdf
  
[4] Jan Lundstrom (2018, 6 Februar). Benchmark reform: transition from IBORs to risk-free rates in euro area. ECB BMCG, Frankfurt am Main. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ecb.europa.eu/paym/groups/pdf/bmcg/180206/2018-02-06_-_BMCG_-_Item_4a_-_Benchmark_Reform_-_Barclays.pdf
  
[5] Pascal Nicoloso (2018, 11 Juni). ESTER – Main features of the ECB unsecured overnight rate. WG RFR Meeting, Frankfurt am Main. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ecb.europa.eu/paym/initiatives/interest_rate_benchmarks/WG_euro_risk-free_rates/shared/pdf/20180711/2018_07_11_WG_on_euro_RFR_meeting_Item_3.2_ECB_Presentation_on_ESTER.pdf
  
[6] ECB (2019). Working Group on euro risk-free rates: Guiding principles for fallback provisions in new contracts for euro-denominated cash products. Frankfurt am Main.[Online]. Verfügbar unter: https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/other/ecb.sg3guidingprinciples201901.en.pdf
  
[7] ] Deutsche Bundesbank (2019, 21 Januar). Arbeitsgruppe des privaten Sektors veröffentlicht Leitlinien für Ersatzbestimmungen in Neuverträgen für auf Euro lautende Cash-Produkte. [Pressemitteilung]. Verfügbar unter: https://www.bundesbank.de/resource/blob/773890/21ac19c3eece86c69ba8a1105a50539a/mL/2019-01-21-leitlinien-ersatzbestimmungen-download.pdf
  
[8] International Swaps and Derivatives Association (2018, 6 Januar). Discontinuation of EURIBOR Tenors. [Online]. Verfügbar unter: https://www.isda.org/2018/06/06/euribor-discontinuation-of-tenors/.
  
[9] European Money Market Institute (2019). Euribor: Questions and Answers, D0062A-2019. [Online]. Verfügbar unter: https://www.emmi-benchmarks.eu/assets/files/D0062A-2019%20-%20EURIBOR%20Questions%20and%20Answers.pdf
  
[10] Financial Stability Board (2018, 14 November). Reforming major interest rate benchmarks: Progress report. [Online]. Verfügbar unter: http://www.fsb.org/wp-content/uploads/P141118-1.pdf
  
[11] ECB (2019, 14 März). Working group on euro risk-free rates: Recommendations of the working group on euro risk-free rates on the transition path from EONIA to the €STR and on a €STR-based forward-looking term structure methodology. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/annex/ecb.sp190314_annex_recommendation.en.pdf
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